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Eine heimatkundliche Übersicht von Rudolf Höhn - 1982

1. Lage und Verkehrslage

 

Eingebettet in die anmutige Landschaft, die von den südlich auslaufenden Hügelketten des Vogelsbergs am Rande der Wetterau geprägt ist, liegt unser Heimatdorf.

 

Der Bleiche, einem vom Vogelsberg kommenden, Bleichenbach durchfließenden kleinen Bach, verdankt ohne Zweifel unser Dorf seinen Namen.

Seine Höhenlage wird mit 136 m über NN angegeben. Überragt wird es im Osten von einer 216 m hohen mit Kiefern- und Buchenwald bestandenen Erhebung, der Rennplatte. Der Talkessel, in dem das Dorf liegt, ist nach Westen hin offen. Erst jenseits des Niddertales, in das sich das Bleichetal bei Stockheim öffnet, bilden dann Holsachs und Florathöhe die Höhenbegrenzung nach Westen. Von der Rennplatte aus sind im Westen rechts vom nahe liegenden geschichte- und sagenumwobenen Glauberg in der Ferne die blauen Höhen des Taunus bei klarer Sicht sehr gut zu sehen, im Süden die Berge des Spessarts, nach Norden hin erkennt man Taufstein und Hoherodskopf, die höchsten Punkte unseres Hei­matraumes.

Rennplatte und die sich anschließenden Distrikte Erzbach, Guter Born und Betten sind ein größeres Waldgebiet im Osten des Dorfes. Die Feldmark breitet sich in ihrer größeren Ausdehnung nach Südosten, Süden und Westen hin. Die mit Wald bepflanzten Gemarkungsteile sind in ihrem Gesteinsuntergrund Buntsandstein, an der Ostgrenze der Gemarkung auch Basalt, Untergrund der Feldmark ist größtenteils Zechstein, Kalk. Das Land ist fruchtbar, guter Weizenboden mit reichen Ernten. Zahlreiche Obstpflanzungen umgeben das Dorf und ziehen sich auch über große Teile der Feldmark hin. Langgestreckte Hügelfelder, Wiesenhänge mit Obstgärten, der Buchenwald am Bergrücken im Osten ge­ben der Landschaft ein lebendiges, freundliches und anheimelndes Gesicht. Die Bleiche entspringt oberhalb Wenings und durchläuft über Gelnhaar und Bergheim ein stilles, landschaftlich sehr reizvolles Waldtal. Unterhalb Stockheims mündet der Bach, nach einem Weg von rund 20 km von der Quelle zur Mündung, in die Nidder.

 

Bleichenbach liegt an der 1870 erbauten Bahnstrecke Gießen - Gelnhausen. Ob und wie lange diese Strecke noch bestehen bleiben wird, ist ungewiss. Die Entfernung nach Büdin­gen ist7 km, nach Nidda 14km, Gießen 50 km und Frankfurtebenfalls5o km. DieBundesstraße 457 Gießen - Gelnhausen führt durch Bleichenbach und trifft sich in Selters mit der Bundesstraße 275. Am Nordausgang des Dorfes zweigt von der Bundesstraße eine Straße nach Bergheim, Richtung Wenings und Hirzenhain ab. Von Westen her führt die Straße von Glauburg ins Dorf.

 

Zwei Omnibuslinien der Bundesbahn Frankfurt - Lauterbach und Gießen - Gelnhausen, haben Haltestellen in Bleichenbach.

 

2. Besiedlung und Vorgeschichtliches

 

Zur Besiedlung des Bleichenbacher Raumes in vorgeschichtlicher Zeit seien folgende Angaben gebracht: Nach einem Bericht von Dr. Meyer, Gießen, wurden im Jahre 1910 westlich des Dorfes in der Lehmkaute vorgeschichtliche Wohngruben aus der jüngeren Steinzeit (5000 bis 2000 v.Chr.) festgestellt Im Waiddistril« Erzbach sind zwei Grabhü­gelfelder bekannt, das eine mit 30 Grabhügeln aus der jüngeren Steinzeit die andere, auch neolithische, mehr zerstreut liegende Grashügelgruppe umfasst 11 Hügel. Beide Gruppen gehören zu schnurkeramischen Kultur. Ein Bericht Dr. Meyers teilt von der Öffnung eines Sammelgrabes aller Kulturstufen in der Nähe der beiden Hügelgruppen mit dass dieser Hügel ein schnurkeramisches Grab ohne Beigaben enthielt, weiter4 bronze­zeitliche Gräber mit Schalen, Gewandnadeln, Ringen und sonstigem Schmuck ein hallstattliches Grab mit Schale und Holzbalkenstücken, außerdem zwei latenezeitlichen Gräbern Gräber mit Balkenresten, Topf und Asche. Länge des Hügels betrug 34 m, Höhe 2m.

 

 

An zwei Hügeln der erstgenannten Gruppe hat der Verfasser dieser Niederschrift selbst im Jahre 1934 unbefugt eigene Forschungen angestellt und diese Hügel im Kreuzschnitt durchstochen. Als freiwillige Schatzgräber unterstützten ihn damals seine Schüler einer Klasse der Bleichenbacher Schule. Im ersten Hügel wurden bei dieser Aktion Scherben von einem Becher mit geschweifter Wandung ohne Verzierungen und einige Artefakten, 

Bild 3: Funde aus der jüngeren Steinzeit 5000- 2000v. Chr. aus einem Grabhügel im Bleichenbacher Wald Foto: Prof. Dr. Richter
Bild 3: Funde aus der jüngeren Steinzeit 5000- 2000v. Chr. aus einem Grabhügel im Bleichenbacher Wald Foto: Prof. Dr. Richter

Bruchstücke von Steinbeilen und kleine scharfkantige Feuersteinsputter gefunden. im zweiten Hügel wurde eine Stelle aufgedeckt, die ein Hai brund, umsäumt von 5 Basaltsäulen in Naturform, bildete. In dem aufgedeckten Raum wurden nun auch wieder Scherben, diesmal mit Schnurabdruckverzierungen in Dreiecksform, Steinbeile und Feuerstein-Splitter gefunden. Die Erdschichten am Grabstich zeigten verschiedenerlei Färbung, eine größere Schicht wies dunkelrote Färbung auf. Eine Zeichnung vom geöffneten Hügel wur­de angefertigt. Alle Fundstücke und die Zeichnung von dem zuletzt geöffneten Hügel wur­den Herrn Prof. Dr. Richter, dem Leiter der Ausgrabungen auf dem Glauberg, übergeben. Herr Dr. Richter war über die eigenmächtige laienhafte Forschertätigkeit des Überbrin­gers recht ungehalten, war jedoch dann so freundlich, eine große Aufnahme von den aus den gefundenen Stücken rekonstruierten Gefäßen dem Ausgrabungsunternehmer zu überlassen. Die Gefäße (Bild 3) waren etwa 25 cm hoch. Leider gingen sie 1945 beim Brand des Glauburgmuseums verloren. Mit diesen Forschungsversuchen war wohl das Augenmerk der Fachgelehrten auf die Bleichenbacher Hügelgräber gelenkt worden, denn nun begann Herr Dr. Dielmann im Auftrag des damaligen Denkmalpflegers Prof. Dr. Richter mit seinen Ausgrabungen im Walddistrikt Erzbach des Bleichenbacher Waldes. Dr. Dielmann berichtet darüber in dem 1956 vom Büdinger Geschichtsverein herausge­gebenen Werk ,,Kreis Büdingen Wesen und Werden". Die laienhafte ,,Voruntersuchung", die seiner Forschungsarbeit vorausgegangen war, wird in seinem Beitrag in dem genann­ten Werk auf Seite 112 erwähnt. Er beschreibt darin auch Einzelheiten der Ausgrabungen und fasst die Ergebnisse zusammen. Über einen von den Bleichenbachern geöffneten Hügel schreibt Dr. Dielmann:

 

,,Allein den interessantesten Befund hätte fraglos ein weiterer Hügel erbracht wenn er von sachkundiger Hand untersucht worden wäre. Leider aber hatte sich in diesem Fall ein Laie in Ausgrabungen versucht, und seinen Angaben und einer von ihm gefertigten Skizze war hinterher zu entnehmen, dass er etwa in der Hügel­mitte auf aufrecht stehende in angeblich regelmäßiger Ordnung aufgestellten Ba­saltsäulen gestoßen war. Genaue Vermessungen und fotografische Aufnahmen, die hier unerlässlich gewesen wären, wurden leider nicht gemacht. Immerhin aber gebührt dieser Voruntersuchung das Verdienst, den damaligen Denkmalspfleger Prof. Richter auf die Zugehörigkeit der Bleichenbacher Hügelgruppe zur Kultur der südwestdeutschen Schnurkeramik aufmerksam gemacht zu haben."

 

In seinem Bericht hebt Dr. Dielmann hervor, dass er bei den Ausgrabungsbefunden vieles darauf hindeute, dass sich die Kultur der Menschen, die im Bleichenbacher Hügelfeld be­statteten, in einem weit fortgeschrittenen Stadium befunden hätten. (Bild 4)

Bild 4
Bild 4
Bild 5
Bild 5

Über seine Forschungsergebnisse bei Gräbern aus der Hügelgräberbronzezeit (1800 bis 1200 v. Chr.> schreibt Dr. Didmann unter anderem: 

 

,,Beachtung verdient das im Büdinger KarI-Heusohn-Museum verwahrte keramische Fundgut (Bild 5) eines Grabhügels, der etwa 200 m von der oben genannten schnurkeramischen Hügelgruppe des Bleichenbacher Gemeindewaldes entfernt gelegen, im Frühjahr 1939 vom Verfasser (Dr. Dielmann) für den Büdinger Ge­schichtsverein untersucht wurde. Die aus dem Bleichenbacher Hügel geborgene Irdenware ist von ziemlich geringer technischer Qualität und zeigt Formen, die man vorzugsweise als Gebrauchsgeschirr anzusprechen geneigt ist."

 

3. Besiedlung in geschichtlicher Zeit

 

Im Raum Bleichenbach nehmen Fachleute in der siedlungsperiode zwischen 400 und 800 n. Ohr. an. Als erste urkundliche Erwähnung des Ortes gilt das Jahr 1219. Es sei hier jedoch über Ersterwähnung und Besiedlung die auf gründlicher Forschungsarbeit beruhende Meinung Karl Heusohns, des Altmeisters der Heimatforschung im Büdinger Raum, im Wortlaut wiedergegeben:

 

Das Dorf Bleichenbach wird zum ersten Mal 1219 urkundlich erwähnt. Es hat um diese Zeit offenbar schon längst bestanden, und die Gemarkung Bleichenbach mag schon Jahrtausende vorher besiedelt und genützt sein. Denn wenn hier vor Jahrzehnten Wohngruben (Jahresbericht der Denkmalspflege im Großherzogtum Hessen 1910 - 191311S.27) aus ~ angeschnitten worden sind und wenn man hier Steinwaffen und Werkzeuge in Mengen gefunden hat, dann müssen hier auch Menschen gelebt und gewohnt haben, die sie hergestellt und gebraucht haben. Und wie erklärt man sich das Vorhandensein der Dutzende und Aberdutzende von Hügelgräbern am nahen Betten aus Stein- und Bronzezeit, wenn man die Besiedlung des Bleichtales in jenen Zeiten ausschalten will. Nein, die Bleichenbacher Mark war besiedelt, es wohnten hier schon Jahrtausende hin­durch Menschen, freilich in ihrer Wohnkultur, in ihrer Lebensweise, in ihren Sitten und Bräuchen dem Wechsel der Zeiten unterworfen, einzeln oder in Gruppen, das mag dahingestellt bleiben. Ob diese Siedlungen schon Namen führten, ob sie jemals umbenannt worden sind, wir wissen es nicht. Nur das eine wissen wir, dass die Benennung der Orte mit der Endung ,,bach" in die Zeit von 400 bis 800 n. Ohr. zu setzen ist, und um diese Zeit mag auch das Dorf Bleichenbach schon geworden sein."

Ein Beispiel der Dorferneuerung

4. Überlieferungen aus geschichtlicher Zeit

 

Die Ersterwähnung Bleichenbachs ist einer Urkunde aus dem Jahre 1219 zu entnehmen. Diese Urkunde besagt, dass Papst Hononus 111 (Papst von 1216 - 1227) am 13. August 1219 das Kloster Konradsdorf mit seinen Besitzungen in Schutz nimmt In diesem Schutz-Brief wird u.a. die Kapelle in ~ genannt. Bereits ll5owirdineinerBesitzüber-sicht ein dem Landadel angehörender Gumprecht von Bleichenbach genannt, der in Blei­chenbach Grundbesitz hatte. Diese Besitzübersicht enthält weitere Angaben. Nach Auszügen aus Hans Philippi ,,Teritorialgeschichte der Grafschaft Büdingen« sind die Herren von Bleichenbach wie folgt benannt:

 

a) Eigenbesitz

1150 Gumbert oder Gumprecht von Bleichenbach, liber et nobilis (Freier und Adliger) Grundbesitz in Bleichenbach

1191 Eckehart von Bleichenbach, Grundbesitz in Bleichenbach

1226 Ekilmanus von Bleichenbach, Grundbesitz in Bleichenbach

1220 - 1230 Heinrich von Bleichenbach, Grundbesitz in Bleichenbach und Bergheim

1277 Heinrich und Bertram von Bleichenbach, Grundbesitz in Altenstadt

1305 Eckhart von Bleichenbach, Einkünfte, Renten, Gefälle in Inhelden

1322 Eckhart von Bleichenbach, Grundbesitz in Gelnhausen

1333 Konrad, Johannes u. Bertram von Bleichenbach, Grundbesitz in Ober-Mockstadt

Alter Röhrenbrunnen, Foto: Höhn
Alter Röhrenbrunnen, Foto: Höhn

b) Passivieren

von Hanau:

1405 Konrad von Bleichenbach, Grundbesitz in Bleichenbach, Zehnten in Betzenrod

von Fulda:

1290 Eckhart von Bleichenbach, Zehnten in Feldheim und Inheiden

1419 Rudolf von Bleichenbach, Grundbesitz in Bleichenbach und Sotzbach

 

Zahlreiche mittelalterliche Urkunden lassen erkennen, dass die Herren von Bleichenbach (der Chronist Joh. Georg BI um, Pfarrer der ev. lutherischen Bleichenbacher Gemeinde von 1696-1744) nennt sie ,,eine uralte wetterauische ansehnliche adelige Familie, die ihre adelige Wohnung und Rechte in Bleichenbach hatte"> nicht nur reich Begütertwaren, sondern auch zu ihrer Zeit ein gewichtiges Wort mitzureden hatten und in hohem Ansehen gestanden haben müssen. Das feste Haus der Ritter von Bleichenbach dürfte sich wohl im alten Dorfkern um das jetzige Pfarrhaus herum befunden haben. Alte Mauern, alte Keller-Gewölbe finden sich in diesem Dorfteil zahlreich. 8n in Sandstein ausgehauener Kopf mit Halskette, der jetzt in eine Mauer eingemauert ist, (Bild 6> kann wohl als ein Überbleibsel von den Steinen dieser Burg angesehen werden. Wie aus einer Urkunde von Jahre 1541 hervorgeht, war Bleichenbach ein ,,umfriedet Dorf". Die Umfriedung bestand wahrschein­lich aus Wall und Graben und einer dichten Hainbuchenhecke. Spuren von dieser Befestigung sind heute kaum mehr zu erkennen.

Kopf mit Halskette in einer Mauer in der Pfarrgasse Foto: Höhn
Kopf mit Halskette in einer Mauer in der Pfarrgasse Foto: Höhn

In Urkundensammlungen sind vielfach die Träger des Adelsnamens Bleichenbach ange­führt, die in mittelalterlichen Urkunden von 11 Saab als Edeiknechte und Ritter bezeichnet sind. Als Wappen führte das Adelsgeschlecht von Bleichenbach auf blauem Schild einen goldenen Schrägwellenbalken (Bild 7>. Dieses Wappen bildet auch die Grundform des Bleichenbacher Ortswappens, das der Gemeinde 1963 verliehen wurde. Es zeigt jedoch als Besaitung des goldenen Schrägwellenbalkens im oberen Feld ein silbernes Eichen-Blatt und im unteren Feld eine silberne Ähre. Diese zusätzlichen Symbole im Gemeinde~ Wappen sollen auf die Fruchtbarkeit der Bleichenbacher Feldmark auf das große herrliche Waldrevier Bleichenbachs hinweisen.

Siegel des Ekehard von Bleichenbach
EKEHARD DE BLEYCHINBACH 21.4.1360 (R. III, 326) Abb. 7 Siegel des Ekehard von Bleichenbach aus ,,Büdinger Geschichtsblätter", herausgegeben vom Büdinger Geschichtsverein

Bis zum Jahre 1476 soll der Ortzu der Herrschaft des Werner von Eppstein gehört haben, dessen Erben ihn in diesem Jahre an den Grafen Philipp zu Hanau verkauften. Ein anderer Bericht sagt allerdings, dass die Adelsfamilie derer von Bleichenbach den Ort, in dem sie Sitz und Gerichtsname hatten, an den Grafen Philipp von Hanau verkauft (nach dem Chronisten Blum im Jahre 1503) und den Ort verlassen hätten. Jedenfalls gehört zu Be­ginn des 16. Jahrhunderts das Dorf zu Hanau-Münzenberg und untersteht dem Gericht ~vor Ortenberg", das bis 1605 gemeinsamer Besitz von Hanau, Stollberg und Ysenburg war.

 

1605 wurde Ortenberg aufgeteilt und Bleichenbach kam in den Besitz von Hanau-Mün­zenberg. Als am 28. März 1736 der Graf Johann Reinhard zu Hanau kinderlos starb, und dessen Erbe an den Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel kam, wurde auch Blei­chenbach kurhessisch. Von 1807 bis 1811 unterstand Bleichenbach dem von Napoleon. eingesetzten Primas von Frankfurt. 1811 wurde es dem Großherzogtum Hessen einver­leibt und gehörte zu dem damals noch bestehenden Kreis Nidda. Als der Kreis Nidda 1874 aufgelöst wurde, wurde Bleichenbach dem Kreis Büdingen zugeteilt Seit 1. August

 

1972, dem Tage, da die Landkreise Büdingen und Friedberg im Zuge der hessischen Gebietsreform zusammengeschlossen wurden, gehört Bleichenbach zu dem neu gebilde­ten Wetteraukreis.

 

Aufzeichnungen aus früheren Zeiten sind vermutlich während des Dreißigjährigen Krie­ges verloren gegangen. Aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges berichtet die Chronik, dass schon 1620 der Krieg um Bleichenbach wütet.

Die Dorfbewohner verließen das Dorf, flohen in die dichten Wälder oder bargen sich hinter den festen Mauern Ortenbergs oder Büdingens. Ab und zu kam wohl der Eine oder der Andere zurück, um zu sehen, was noch vorhanden war vom Dorf. Im Verlauf des Krieges ist das Dorf oft ganz ausgestorben. Die Felder liegen brach. Das Dorf scheint dann während des Krieges ganz dem Erdboden gleichgemacht worden zu sein. »Das Bellen", ein Waldgebiet nordöstlich von Bleichenbach, das vor dem großen Kriege ,,so kahl war, dass sich kein Hase hinter einem Busch verstecken konnte", war nach dem Kriege derart mit Wald bewachsen, ,,dass man sich mit keinem Wagen darin drehen konnte". Heute noch ist das Bellen ein ausgedehntes Wald­gebiet. ,,1636 und 1637, als der kaiserliche General Lamboy Hanau belagerte und von dem Landgrafen Wilhelm von Hessen-Kassel am 13. Juni 1637 geschlagen ward, waren Bleichenbach und Umgegend in so große Hungersnot gekommen, dass viele Bewohner von Bleichenbach und Selters sind Hungers gestorben, haben Heu und Gras und manche unflätige Speisen zu sich genommen, um ihr Leben zu fristen. Die Grasgärten um die Orte herum haben voller Toten gelegen". Wie die Chronikweiter berichtet, ist auch die Zeit der Hexenverfolgungen an Bleichenbach nicht spurlos vorübergegangen. Auch auf Blei­chenbach hatte der berüchtigte Hexenverfolger Georg Ludwig Geiß sein Tätigkeitsfeld ausgedehnt. Auf der Hardt, der Höhe zwischen Bleichenbach und Selters, ließ er drei Bleichenbacher Frauen hinrichten, Eine von diesen war Hebamme und hieß Vei Ewald. Ihr wurde zur Last gelegt, dass sie ,,vom Teufel angetrieben, viel Kindlein bei der Geburt ums Leben gebracht und dazu noch teuflisch gelacht" habe. Deshalb wurde ihr Körper am Galgen noch verbrannt.

Nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges fanden sich zögernd wieder die wenigen Bewohner des verwüsteten Dorfes ein und begannen mit dem Wiederaufbau. Bereits 1650, zwei Jahre nach Kriegsende, wird wieder ein Kirchenbuch geführt, das Aufzeich­nungen über Eheschließungen, Geburten und Todesfälle enthält. Die Familiennamen Bik­kel, Emrich, Kröll, Liebegott, Naumann, Velten sind dabei vorherrschend. Ab 1660 taucht auch der Name Kraft in den Registern auf von Zugeheirateten aus Borsdorf. In den Jahren 1677 bis 1682 heiraten vier Männer des Namens Heß, von Bergheim stammend, nach Bleichenbach ein. Umfangreiche Aufzeichnungen aus der Zeit von 1696 bis etwa 1740 stammen aus der Feder des die lutherische Gemeinde betreuenden Pfarrers Joh. Georg Blum. Neben Beschreibung besonderer Ereignisse stellt er auch Namenslisten auf über seine, 21 Hausgesäße umfassende, Bleichenbacher Gemeinde, vergisst aber auch nicht die Namen der dem reformierten Bekenntnis angehörenden 7 Hausgesäße zu nennen. In seiner Amtszeit leitete er mit finanzieller Hilfe der Hanauer Grafen den Bau zweier lutheri­scher Kirchen ein. 1696 einer Fachwerkkirche, die nach 32 Jahren 1727 als baufällig wieder abgerissen wurde. An ihrer Stelle wurde 1728 die heutige Pfarrkirche erbaut.

Ihr wurde der Turm der alten Fachwerkkirche aufgesetzt. 1701 wurde ein lutherisches Schulhaus gebaut <gegenüber der heutigen Gaststätte Reitz>. Die an der Stelle der alten 1219 erwähnten Kapelle in der Zeit um etwa 1250 - 1 350erbautenSandsteinkirchedien-te der reformierten Gemeinde als Gotteshaus. 1838 wurde dieses historische Bauwerk gotischen Stils unverständlicherweise abgerissen, nachdem sich beide Bekenntnisse (Lutheraner und Galvinisten) 1836 zu einer unierten ev. Gemeinde zusammengeschlossen hatten. Über 150 Jahre hinweg hafte also Bleichenbach zwei Kirchengebäude. Außer der 1838 abgerissenen Kirche legte man um diese Zeit auch das älteste Bleichenbacher Rathaus um, das, auf Säulen ruhend, im Erdgeschoß offen war und zwei Fachwerkge­schosse hatte. Auf seinen Grundmauern wurden in der Hofreite des Heinrich Heß VII Scheuer und Wirtschaftsgebäude errichtet.

 

Pfarrer Blums Aufzeichnungen sind von größtem heimatkundlichem Wert, greifen sie doch auch weit in die Zeit vor seiner Amtsführung zurück Bemerkenswert ist die Aufli­stung der Namen von 58 Auswanderern, die um 1720 nach Ungarn auswanderten.

 

Aus Gemeinderechnungen der Jahre 1730 - 1815 lässt sich erkennen, wie geschichtliche Ereignisse der Welt im Großen Licht und Schatten auf die kleine Bleichenbacher Welt werfen. Aus der Zeit der Preußenkönige Friedr. Wilhelms 1 und Friedrichs des Großen ist eine stattliche Anzahl von Gemeinderechnungen im Archiv verwahrt, die Auskunft darü­ber geben, welche Einbußen an Geld und Gut bei Einquartierungen im Verlauf von kriege­rischen Begebenheiten die Einwohnerschaft zu tragen hauen. Diese Dokumente lassen auf die Einfachheit dieser Zeit im Leben der Dorfgemeinschaft schließen. In den Jahren von 1820 bis 1850 wandern viele Bleichenbacher nach Nordamerika aus. Der Schultheiß Johannes Kraft V. (genannt Komm issar) gibt 1823 eine Zahl von über 300 ausgewander­ten Einwohnern Bleichenbachs an.

Dorfansicht aus den 50er Jahren
Dorfansicht aus den 50er Jahren

Im Zuge der Fertigstellung der durch Bleichenbach führenden Straße von Gelnhausen nach Gießen im Jahre 1838 (jetzt B 457) sahen die Bleichenbacher unter ihrem Bürger­meister Georg Deckmann eine vordringliche Aufgabe darin, diese Ortsdurchfahrt beson­ders großzügig zu gestalten. Es entstand mit dem Schulneubau in Sandstein (1840) und der Bachufereinfassung ein harmonisches bauliches Gesamtbild, das heute noch in sei­ner Geschlossenheit und Linienführung beeindruckt. Mit der Schaffung dieses Projektes und dem Bau der den Ort berührenden Bahnstrecke Gießen-Gelnhausen im Jahre 1869/70 kündigt sich der Anbruch einer neuen Zeit an. So verdient hier der fortschriftli­che Geist der Bleichenbacher hervorgehoben zu werden, der sich schon frühzeitig im Jahre 1898/99 zur Schaffung einer zentralen Wasserleitung aufraffte. Die Wasserleitung ist eine der ersten Wasserversorungsanlagen neuerer Zeit im Büdinger Raum. Als Vor­gängerin dieses Leitungsnetzes kann eine wohl um 1680 angelegte etwa 1 km lange Zu­leitung zum Springbrunnen mitten im Dorf angesehen werden (Bild). Um 1900 stellt sich der Markiflecken Bleichenbach als Muster einer schönen Dorfanlage dar, mit schmucken Fachwerkhäusern und gepflegtem Straßenbild. Auch mit der Schaffung von Anlagen auf der Schönau, besonders mit der Einrichtung zweier Fischteiche im 1904, versuchte man auf der Trift im Bleichetal zwischen Bleichenbach und Bergheim ein schönes Landschaftsbild zu gestalten. Erwähnung verdient auch hier der von den Vorvätern ange­pflanzte herrliche Baumbestand in der Dorfmitte. Diese Anlage ist als eine besonders glückliche Lösung für eine dauerhafte Dorfverschönerung anzusehen.

Hell und zukunftsfroh schien die Welt, als sich unser Volk anschickte, ins 20. Jahrhundert einzutreten. Es wurde aber ein Jahrhundert das in seiner ersten Hälfte mit zwei unseligen Weltkriegen Opfer, Blut und Tränen forderte. Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges soll­te eine Umwälzung ihren Anfang nehmen, deren Auswirkungen das deutsche Volk bis in unsere Tage in Unruhe halten. Im Fortschreiten dieser Umwälzung brach 25 Jahre nach dem ersten Weltkrieg 1939 der zweite Weltenbrand über den fragwürdigen Frieden dieser Zeit herein und endete in einer nationalen Katastrophe, aus der ein zweigeteiltes Deutschland hervorging. Die Auswirkungen der kriegerischen Ereignisse in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts prägen das Leben unserer dem Ende der zweiten Jahrhun­derthälfte zueilenden Zeit. Nach zwei verlorenen Kriegen erwachte der ungebrochene Le­benswille des Volkes und schuf in unserer westlichen Welt eine staatliche Einheit, die ihre Zielsetzung im Streben nach Einigkeit und Recht und Freiheit verfolgt. Eingebettet ins all­gemeine Zeitgeschehen vollzog sich auch im dörflichen Lebenskreis Bleichenbachs die weitere Entwicklung und Wandlung des Dorfes. Das Bleichenbacher Gemeinwesen er­lebte das politische Geschehen im Kaiserreich, über die Weimarer Republik, die Hitler-diktatur bis zur heutigen freiheitlichen Demokratie. Der Wechsel dieser Zeitläufe beeinflusste das öffentliche Leben auch unseres Dorfes und gab ihm das politische Gepräga.

 

5. Derzeitiger Stand Bleichenbachs als Stadtteil Ortenbergs

 

Der Beschreibung des jetzigen Verwaltungsstandes Bleichenbachs als Stadtteil von Or­ten berg sei eine tabellarische Übersicht über Wachstum und Schwund bei Einwohner­zahlangaben des Dorfes im Laufe zweier Jahrhunderte vorausgeschickt.

 

Jahr 1815 1828 1857 1900 1910 1945 1957 1971 1977 1980 1982 1985
Einwohner 776 845 800 780 768 1400 1255 1229 1329 1388 1389 1409

 

Die Zahlen, die in langen Perioden nur geringfügigen Schwankungen unterworfen sind, geben 1945 mit Kriegsende den fast verdoppelten Bestand an. Im 2. Weltkrieg Evakuierte aus gefährdeten Gebieten, Heimatvertriebene, besonders aus dem Sudetenland, fanden am Kriegsende in Bleichenbach Aufnahme, blieben zum größten Teil ansässig und fan­den hier eine neue Heimat. Wenn auch 1957 wieder Abwanderungen zu verzeichnen wa­ren, so stieg nach Erschließung neuer Wohngebiete am Südrand und am Nordrand des Dorfes und dem damit verbundenen Zuzug von außen, die Einwohnerzahl bis 1985 wieder auf 1409 an.

 

Das Jahr 1971 brachte ein bedeutsames Ereignis im Dasein unseres Heimatdorfes, die Eingliederung als Stadtteil in die Stadt Ortenberg. Bleichenbach gab damit seine verwal­tungsmäßige Selbständigkeit auf und schloss sich im Zuge der Gebietsneugliederung un­ter Wahrung seiner in Jahrhunderten gewachsenen Eigenart und Eigenständigkeit mit 9 Nachbargemeinden zur Stadt Orten berg zusammen. Eine Übersicht möge verdeutlichen, welche Einwohnerzahlen und Gemarkungsausdehnungen in das neue Gemeinwesen Stadt Ortenberg eingebracht wurden.

 

Gemeinde Einwohner       Gemarkung in ha
Bergheim 603 623 619 627 471
Bleichenbach 1233 1329 1380 1409 708 
Eckartsborn 464 560 592 589 464
Effolderbach 496 565 601 606 339
Gelnhaar 973 1013 1013 1034 602
Lißberg 846 907 906 885 702
Ortenberg 1833 1950 1960 1944 354
Selters 555 541 1532 555 424
Usenborn 585 585 600 637 1195
Wippenbach 180 235 258 261 211

6. Schlusswort

 

In dieser Betrachtung wurde vordringlich aufgenommen, was als wichtig für eine Kurzfas­sung über Entstehen, Sein und Werden Bleichenbachs erschien. In einem 1978 zusam­mengestellten Heimatbuch konnte ausführlicher und umfassender auf heimatkundliche Gegebenheiten eingegangen werden, doch sollte auch diese geraffte Beschreibung dem Leser einen Überblick vermitteln über das Geschehen im Bleichenbach der alten und neuen Zeit. Dass den Bleichenbachern ein ausgeprägtes Heimatgefühl eigen ist, drückt sich aus im Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft und in dem Streben, Dorf und Landschaft in ihrer naturgegebenen Anmut zu erhalten und zu gestalten.

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