Umweltministerin Lucia Puttrich bleibt auf EAW-Kurs
Hessens Umweltministerin Lucia Puttrich unter Sonnenblumen: Ein Bild, das die Projektbeteiligten »Energie aus Wildpflanzen« im Altkreis Büdingen, getragen vom Landesjagdverband Hessen, dem Jagdverein »Hubertus« Büdingen, der »Pro Natur«-Gruppe in der Hegegemeinschaft Büdingen-Nord und der Firma Saaten-Zeller (Eichenbühl-Riedern) ermutigt, entschlossen mit ihrer Arbeit unter ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten weiter zu machen.
Eine Heimat-Stippvisite der Staatsministerin in Begleitung von Karl Apel, Jagdreferent im Umwelt-Ministerium, auf
Umweltministerin Lucia Puttrich vor dem EAW-Acker in Bleichenbach und seinem Besitzer, dem Bleichenbacher Landwirt Rolf Röse, der sich über den hohen Besuch sichtlich freute. hr/Foto: Stehrder EAW-Fläche von Landwirt Rolf Röse in Ortenberg-Bleichenbach fand ein großes Echo und die Staatsministerin wurde nicht nur von den Projektbeteiligten, sondern auch vom Hörnerklang des Jagdhornkorps vom Jagdverein »Hubertus« Büdingen zünftig empfangen. Lucia Puttrich wollte sich persönlich vom Fortgang des hessischen Pilotprojektes ein Bild machen, das die Landesregierung im Startjahr 2012 mit Mitteln der Jagdabgabe unterstützt hatte.
Die Staatsministerin wurde »präsidial« empfangen, denn auch der Präsident des Landesjagdverbandes Hessen, Dietrich Möller, war »open air« zu Gast und wertete den Pressetermin ebenso auf wie die beiden Landtagsabgeordneten Lisa Gnadl und Klaus Dietz, Kreislandwirt Herwig Marloff, Bürgermeister und Stadträte der Städte und Gemeinden Büdingen, Gedern, Ortenberg und Ranstadt. Den Naturschutzbeirat des Wetteraukreises vertrat Regionalbeauftragter Kurt Brauer, erst kürzlich mit dem Bundesverdienstkreis geehrt, für den Landesverband Hessischer Imker Dieter Skoertsch und das Regionalmanagement Oberhessen. Interessierte Landwirte, Jäger und Jagdpächter aus dem Wetteraukreis rundeten das illustre Bild ab. Offenbar steht das EAW-Projekt im Focus der Öffentlichkeit, denn neben den Zeitungsvertretern hatte der Hessische Rundfunk eine Hörfunk-Reporterin mit Übertragungswagen nach Bleichenbach geschickt. Präsident Dietrich Möller wies in seinen Ausführungen auf das hessische Jäger-Pilotprojekt »Energie aus Wildplfanzen« hin, das eingebunden ist in eine bundesweite Aktion. Vor dem Hintergrund der etwa 170 Biogasanlagen in Hessen müsse auf Dauer Alternativen zu klassischen Energiepflanzen wie Mais gefunden werden, unterstrich Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU). Da die Öffentlichkeit dem großflächigen Anbau von Energiemais zunehmend kritischer gegenüberstehe, sah sie im Anbau von Wildpflanzen eine gute Ergänzung, »der durch seine vielen positiven Aspekte neue Möglichkeiten in der Energiegewinnung eröffnete und verbesserte Perspektiven für den Artenschutz biete«, meinte die Ministerin vor der EAW-Fläche in Bleichenbach. Zurzeit werden für den Anbau von Energiepflanzen rund 13 Prozent der hessischen Ackerfläche genutzt. Damit liege Hessen unter dem Bundesdurchschnitt. Den hessischen Maisanbauern brach sie dennoch einen Stab, denn noch längst nicht habe man in Hessen den großflächigen Anbau wie z. B. in Norddeutschland erreicht.
Kreislandwirt Marloff akzeptierte den Wildpflanzen-Anbau zur Energiegewinnung als Alternative, am Einsatz von Mais komme man nicht vorbei, da hier 65 Tonnen Hektarertrag ca. 30 Tonnen Wildpflanzen-Ertrag je Hektar gegenüberstehe.
EAW-Pflanzen, so LJV-Vizepräsident Dr. Nikolaus Bretschneider-Herrmann in seinen Ausführungen, seien als sinnvolle Alternative zu Feinhäckselgut, Gülle oder Gras zu sehen. Zumal die Wildpflanzen-Mahd außerhalb der Brut- und Setzzeiten im August/September erfolge.
Er sprach sich für eine gemeinsame Verantwortung für die Nutzung der Landschaft von Jägern, Landwirten und Imkern aus. Für ihn ist die Marschrichtung gemeinsam mit den Landwirten vorgegeben: »EAW« solle Mais nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. Wildpflanzen bereicherten die Vielfalt von Ackerbaukulturen, verbesserten die Lebensbedingungen insbesondere für die heimischen, stark vom Rückgang bedrohten Feldvogelarten wie dem Rebhuhn und der Feldlerche und dienten so dem Erhalt der biologischen Vielfalt in besonderer Weise. Der Landwirtschaftsfachmann wies auf die 24 Arten des EAW-Gemischs hin. Im Fünf-Jahres-Anbau wachsen im ersten Jahr Buchweizen, Sonnenblumen und Malvenarten, danach verschiedene Steinkleearten, Wilde Karde, Wegwarte, kleinblültige Königskerze, Lichtnelke, schwarze Flockenblume und viele andere Wildkräuter. Sie schaffen neben ihrer Verwendung als Energiepflanzen auf den Standorten Rückzugsmöglichkeiten für Wildtiere, aber auch Äsung und eine riesige Bienenweide sowohl für unsere heimischen Wildbienen wie die Honigbienen der Imker. Darüber hinaus lassen sich auch positive ackerbauliche Vorteile nutzen wie z. B. die Vermeidung von Erosion auf hängigen Flächen.
Er legte auch Zahlen zum Maisanbau vor: Gestartet sei man in Hessen vor wenigen Jahren bei 24.000 ha Silomais ausschließlich für die Rinderfütterung, heute sei man mit der steigenden Zahl an Biogasanlagen bereits bei 46.000 ha insgesamt angelangt.
Bei 360.000 ha Ackerland in Hessen liege man damit etwas über zehn Prozent Maisanbau. Das sei statistisch gesehen keinesfalls kritisch, die Konzentration erfolge aber unübersehbar um die Biogasanlagen. Deshalb lohne es sich gerade in den Mais-Anbaugebieten über EAW nachzudenken und den Maisanbau sinnvoll zu ergänzen.
Der örtliche »EAW-Projektleiter Hans Hess (Bleichenbach) erläuterte vor LJV-Präsident und Staatsministerin noch einmal den gesetzlichen Auftrag der Jägerschaft zur Erstellung eines Lebensraumgutachtens. Dem kommt man, so der 1. Vorsitzende des Jagdvereins »Hubertus« Büdingen, Andreas Mohr, nach. Auf der Basis des Lebensraumgutachtens, so Hess, habe man nach Verbesserungsmöglichkeiten in der Feldflur gesucht. Hess schilderte den Werdegang der Einführung von Energie aus Wildpflanzen mit Flächen in den Revieren Bleichenbach, Aulendiebach, Düdelsheim und Gedern-Wenings. Vorstandsmitglieder der Hegegemeinschaft Büdingen-Nord nahmen im Frühjahr 2010 an einer Infoveranstaltung der Naturschutz-Akademie Wetzlar teil. Begeistert von den Darstellungen des »Vaters« des Projekts »Energie aus Wildpflanzen«, Werner Kuhn (Landesanstalt für Wein- und Gartenbau Veitshöchheim (Bayern) suchten die Büdinger Jäger nach einer praktischen Umsetzung vor Ort. Im Sommer 2010 inspizierten sie eine Wildpflanzen-Versuchsfläche in Veitshöchheim, im Winter 2010 wurden unter Federführung von Dr. Nikolaus Bretschneider-Herrmann, Vizepräsident des Landesjagdverbandes Hessen, erste, hessenweite Feldversuche vorangetrieben. Nach 13 ha Wildpflanzen zur Energiegewinnung im letzten Jahr wurde die Fläche in diesem Jahr auf 30 ha erweitert. Das Besondere am EAW-Pilotprojekt, so Hess sei, die Flächen nicht aus der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung herauszunehmen, sondern als hochwertiger Wildlebensraum in der Produktion zu belassen. Dafür sorge der landwirtschaftliche Lohnunternehmen Norbert Mäser (Büches) mit seinen Maschinen, der die Biomasse bei der jährlichen Ernte der C4-Biogasanlage Altenstadt zuführe.
Engagiert unterstützt wird das Pilotprojekt auch von der Firma Saaten-Zeller aus Nordbayern. Das Unternehmen gehört bundesweit zu den ersten Aussaat-Herstellern, die mit Wildpflanzen als Energieträger für die Biogasproduktion experimentieren. Die Mischung, wie sie auch auf den EAW-Flächen im Altkreis Büdingen verwendet werden, erreichen, so Firmenchef Joachim Zeller, »schon jetzt 75 Prozent der Mais-Energieleistung, ohne dass die Samen züchterisch verändert wurden«. Für die Jäger spielt mit den Wildpflanzen zur Energiegewinnung als Ergänzung zum Mais außerdem das Erneuerbare Energiegesetz (EEG) eine große Rolle. Im Juli 2011 geändert, sieht es vor, dass die Beschickung von Biogasanlagen nur noch mit 60% mit Mais erfolgen.
Anmerkung der Redaktion: alle Fotos vom Artikel finden Sie hier in der Bleichenbacher Foto-Sammlung


