Wildpflanzen sind auch Energielieferanten
Zusammenarbeit mit hessischem Landesjagdverband sorgt für weitere Perspektiven
Seit 2011 ist der Acker von Rolf Röse eine schöne Blumenwiese. Wo sonst der Mais in die Höhe wächst, recken sich Sonnenblumen, Malven und eine Vielzahl von Wildkräutern der Sonne entgegen. Bienen summen um die Blüten, Schmetterlinge flattern durch die Luft.
Doch das Feld ist nicht nur eine Augenweide für die Menschen, sondern es bietet zahlreichen Tierarten eine Nahrungsgrundlage.
Dr. Nikolaus Bretschneider-Herrmann, LJV-Vizepräsident, Kreislandwirt Herwig Marloff, Lucia Puttrich, Dieter Skoertsch vom Landesverband der Hessischen Imker und Dietrich Möller, Präsident des Landesjagdverbandes Hessen, beim Ortstermin. Fotos: KrinkeAußerdem ist es Teil des Pilotprojekts „Wildpflanzen sind auch Energielieferanten", das in Zusammenarbeit mit dem hessischen Landesjagdverband für Perspektiven im Zeichen der Energiewende sorgen soll. Am Dienstag wurde der Acker obendrein zum Anschauungsobjekt, denn die hessische Umweltministerin Lucia Puttrich informierte sich über die Versuchsfläche.
Inzwischen gibt es etwa 170 Biogasanlagen in Hessen, die zum großen Teil mit der klassischen Energiepflanze, dem Energiemais, betrieben werden. „Die Öffentlichkeit sieht den großflächigen Anbau von Energiemais zunehmend kritisch, da die Monokulturen einige Nachteile mit sich bringen. Da sehen wir im Anbau von Wildpflanzen eine gute Ergänzung, der durch seine vielen positiven Aspekte neue Möglichkeiten in der Energiegewinnung eröffnet und verbesserte Perspektiven für den Artenschutz bietet", sagte Puttrich beim Ortstermin in Bleichenbach. Das Pilotprojekt solle zeigen, ob sich Wildpflanzen als wirtschaftliche und ökologische Erweiterung der Produktpalette von Gärsubstratpflanzen für Biogasanlagen eignen. Das hessische Umweltministerium fördert das Projekt auch finanziell. Derzeit werden für den Anbau von Energiepflanzen rund 13 Prozent der hessischen Ackerfläche genutzt. Damit liegt Hessen unter dem Bundesdurchschnitt von 19 Prozent.
„Die Anbauflächen bieten vielfältige Lebensräume für Insekten- und Niederwildarten", fuhr die Ministerin fort. Zudem ermöglichen die Saatgutmischungen einen über mehrere Jahre hinweg stabilen, artenreichen Bestandsaufbau, die Ernte kann außerhalb der kritischen Brut- und Aufzuchtphasen der Wildtiere erfolgen. Auch verspreche der mehrjährige Wildpflanzenanbau zur Biogasgewinnung gute Erträge bei geringem Aufwand.
Den Grundstein für die Versuchsfläche in Bleichenbach und deren Pendants in Aulendiebach, Düdelsheim und Wenings legte die Teilnahme der Vorstandsmitglieder der Hegegemeinschaft Büdingen-Nord an einer Informationsveranstaltung der Naturschutz-Akademie Wetzlar. Begeistert von den Ausführungen von Werner Kuhn von der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau Veitshöchheim/Bayern, suchten die Büdinger Jäger nach einer Möglichkeit, ein ähnliches Projekt vor Ort umzusetzen. Bereits im Winter 2010 wurden unter Federführung von Dr. Nikolaus Bretschneider, dem Vizepräsidenten des Landesjagdverbands Hessen, erste Versuche gestartet und elf Hektar Fläche zwischen Büdingen und Gedern mit Wildpflanzen eingesät. Dieses Jahr wurde die Fläche auf knapp 30 Hektar erweitert.
Jetzt sollen laut Ministerin Puttrich neben dem Landesjagdverband auch die staatliche Vogelschutzwarte von Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland sowie die Wildbiologen der Tierärztlichen Hochschule Hannover in das Projekt eingebunden werden. Abschließend wies die Ministerin darauf hin, dass es im Bereich des Energiepflanzenanbaus noch erheblichen Forschungsbedarf gebe, besonders beim Ertragspotenzial, bei der Düngung, bei der Optimierung der Mischungszusammensetzungen sowie bei der Kulturführung und verschiedenen Gärversuchen. Dafür werde in der zweiten Projektphase eine vier bis sieben Hektar große Praxisfläche auf dem Areal des Landwirtschaftszentrums Eichhof angelegt.
Der Wildpflanzenacker von Rolf Röse befindet sich bereits im zweiten Jahr nach der Aussaat, und Röse konnte eine Zunahme von Hasen, Siebenschläfern und Schmetterlingen beobachten. Röse: „Unten am Feldrand in der Gärtnerei kommt jeden Tag ein Hasenjunges zu Besuch ins Büro, das wäre vor ein paar Jahren noch nicht denkbar gewesen." Auch die Bienen hätten jetzt genug Nahrung, früher habe man zeitweise Zuckerwasser ergänzen müssen.
Doch die Landwirte sehen die Umstellung auf Wildpflanzen auch mit kritischen Augen. Zwar sei mit dem mehrjährigen Wildpflanzenanbau weniger Arbeit verbunden: kein Umpflügen, kein Einsatz von Pestiziden oder Fungiziden, keine Saatkosten nach der ersten Einsaat für die nächsten vier Jahre, weniger Sprit, weniger Lohnkosten und auch weniger Bodenerosion.
Dennoch sei der Einsatz von Mais mit einem Ertrag von etwa 65 Tonnen pro Hektar jenem von 30 Tonnen bei Wildpflanzen überlegen. Röse: „Ohne Förderung wird das wohl nicht großflächig zu realisieren sein." Dennoch seien die Wildpflanzen eine gute Ergänzung zum Energiemais, denn die Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes 2011 schreibe vor, dass eine Biogasanlage nur noch zu 60 Prozent mit Mais beschickt werden darf.
Anm. d. Red.: Die Fotoserie vom Ortstermin finden Sie im Bleichenbacher Fotoalbum


